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Gemeindereform verändert die Landkarte
Gardelegen wird zur "Großstadt", Bürgermeister ist mulmig zumute
Von Jens Schmidt
Sachsen-Anhalts Gemeidereform wird Deutschlands Landkarte gründlich verändern. Der Landtag ist gerade dabei, per gesetzlichem Zwang Gemeinden zusammenzufügen und Städte zu zimmern, die in der Fläche größer sind als München oder Magdeburg. Gardelegen wird drittgrößte Stadt Deutschlands. Nächste Woche werden die Gesetze zur Zwangsfusion im Parlament in einer ersten Runde beraten.
Magdeburg. Elf Dörfer hatten sich bereits in der freiwilligen Phase der Gemeindereform 2009 nach Gardelegen (Altmarkkreis Salzwedel) eingemeinden lassen. Nun will die Regierung weitere 18 Dörfer der Stadt angliedern und Gardelegens Fläche mehr als verdoppeln. Das letzte Wort spricht der Landtag, ein Beschluss gilt aber als so gut wie sicher, da die CDU-SPD-Koalition keine Alternativen sieht und die Gemeindereform bis zum Sommer unter Dach und Fach haben will.
Mit 632 Quadratkilometern wird Gardelegen ab 2011 flächengrößte Stadt Sachsen-Anhalts sein – und damit drittgrößte Stadt in ganz Deutschland. Allerdings wohnen in der künftigen "Großstadt" nur 24 300 Einwohner. Das sind 38 je Quadratkilometer – das ist weit unter dem Landesschnitt von 116. Bürgermeister Konrad Fuchs (SPD) ist es denn auch schon einigermaßen mulmig zumute, wenn er auf das Gebilde mit fast 30 Ortschaften und noch mehr Ortsteilen blickt. "Wenn ich allein an die kommunalen Straßen denke, wird mir himmelangst. Aber: Die Gebietsreform ist nun mal erforderlich." Identitätsverluste befürchtet Fuchs nicht, da das Dorfleben auch nach der Zwangsheirat mit der Stadt weitergehe. Heftige Auseinandersetzungen aber erwartet Fuchs schon. Zum Beispiel über Schwimmbadschließungen. "Nach der Fusion hat Gardelegen dann vier Bäder. Eines ist aber nur bezahlbar."
Ob die Politik künftig mehr städtisch oder mehr ländlich geprägt wird, ist aber noch nicht klar. Denn: Für Gardelegen sieht das Gesetz eine Neuwahl vor; und da die Wahlbeteligung im Ländlichen oft höher ist als in der Stadt, könnten die neu hinzugekommenen "Dörfer" viele der künftig 36 Stadträte stellen. Starker Gegenwind bläst vor allem aus Jävenitz, wo Bürgermeister Heinz Baldus (parteilos) in der Volksinitiative gegen Zwangsfusionen aktiv ist. Er erwägt eine Klage.
Nicht nur in der Altmark entstehen große Flächenstädte. Im Fläming wuchs Möckern auf mehr als 500 Quadratkilometer heran. Dort, im Süden des Landkreises Jerichower Land, hatten sich die meisten Dörfer bereits 2009 für eine Fusion mit der Stadt entschieden, so dass Möckern aktuell die Liste der flächengrößten Städte in Sachsen-Anhalt anführt. "Ich bin nicht unbedingt stolz darauf, denn dahinter steht viel Verantwortung. Das ist, als wenn man eine neue Familie gründet und Mann und Frau jeweils mehrere Kinder mitbringen", sagte Bürgermeister Frank von Holly.
Nicht viel kleiner ist Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Die ehemalige Kreisstadt gemeindete das gesamte Umland mit 21 Dörfern ein. Bereits vor einigen Jahren stark zugelegt hatte die Stadt Jessen im Landkreis Wittenberg, die es ohne Reformdruck verstanden hatte, viele Dörfer in die Stadt zu holen.
"Dass es in einigen Regionen zu solch großen Städten kommt, ist der sehr dünnen Besiedlung geschuldet", sagte Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben (SPD) gestern der Volksstimme. Im Altmarkkreis Salzwedel wohnen nur 40 Einwohner auf dem Quadratkilometer, im Jerichwoer Land sind es 62. In Sachsen-Anhalts Städten und Gemeinden müssen ab 2011 mindestens 10 000 Einwohner leben, in dünn besiedelten Regionen sind mindestens 8000 Einwohner gesetzlich vorgeschrieben.
Die Regierung hatte vorige Woche die Entwürfe für zwölf Zwangsfusionen vorgelegt. Betroffen sind 151 Gemeinden. Die meisten Dörfer und Städte im Land hatten sich bereits 2009 zusammengeschlossen. Ab 1. Januar 2011 wird es aller Voraussicht nach 219 Gemeinden geben. Vor der Reform waren es 1036.
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